Schlesien

 
Das Land

Schlesien ist das Einzugsgebiet der oberen und mittleren Oder mit ihren Nebenflüssen. Die im Mährischen Gesenke entspringende Oder fließt zunächst im Breslau-Magdeburger Urstromtal und dann - nachdem sie nach einer Nordschwenkung unterhalb der Katzbachmündung den Schlesischen Landrücken durchbrochen hat - im Glogau-Baruther Urstromtal; nahe der Mündung der Lausitzer Neiße verläßt sie Schlesien. Während die rechten Oderzuflüsse (u. a. Malapane, Stober, Weide, Bartsch) wie die Oder selbst den Urstromtälern folgen, sind die linken Nebenflüsse (u. a. Zinna, Glatzer Neiße, Ohle, Lohe, Weistritz, Striegauer Wasser, Katzbach, Buber mit Queis, Lausitzer Neiße) in ihrem Lauf von der Streichungsrichtung der Sudeten beeinflußt: aus ihnen entspringend, suchen sie quer zum Gebirge einen Weg zur Oder.

So wie die Schlesien einigermaßen in der Mitte durchfließende Oder die Achse des Landes bildet, stellt das Gebirge im Süden und Südwesten die einzige natürliche, schützende Grenze dar. Schlesien lehnt sich in seiner Südostecke an die Westbeskiden und an der langen Südwestgrenze an den parallel zur Hauptrichtung des Oderlaufs vom Südosten nach Nordwesten streichenden Gebirgszug der Sudeten an. Diese beginnen im Südosten an der Mährischen Pforte mit dem Gesenke, das sich aus einer im Durchschnitt 4—600 m hohen, von Oder, Mohra und Oppa durchschnittenen Hochfläche  zu einem steilen Kamm entwickelt und setzen sich im Nordwesten im Reichensteiner Gebirge und im Eulengebirge mit Höhen bis knapp über 1000 m fort. Reichensteiner Gebirge und Eulengebirge bilden zugleich die Nordost-Begrenzung des Glatzer Kessels, der in der Form eines unregelmäßigen länglichen Rechtecks aus dem schlesisch-mährischen bzw. schlesisch-böhmischen Grenzverlauf herausspringt und ursprünglich auch nicht zu Schlesien gehörte. Die gegenüberliegende Längsseite des Kessels schließt das Habelschwerdter Gebirge ab, die südöstliche Schmalseite das Glatzer Schneegebirge, während die nordwestliche Schmalseite nur teilweise durch das quer zur Glatzer Nordwestgrenze verlaufende Heuscheuergebirge abgeriegelt wird. 

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Um die nördlichen Ausläufer dieses Sandsteingebirges legen sich in einem nördlichen Bogen des Waldenhunger Berglandes, die wiederum von Neurode über Liebau bis ins Böhmische ein Kranz von Kohlenfeldern umgibt. Das Waldenburger Bergland wird im Westen durch den Boberfluß vom Riesengebirge getrennt. Der Gebirgszone ist ein Hügelland vorgelagert. Er zieht sich vom rechtsodrigen Oberschlesien südlich der Ruda bis in die Oberlausitz hin; seine Nordgrenze wird ungefähr markiert durch die Orte Pleß, Cosel, Krappitz, Strehlen, Striegau, Jauer, Goldberg, Bunzlau und Görlitz. 

Aus diesem Hügelland ragen einige Berggruppen heraus, so die Strehlener Berge (Rummelsberg, 893 m), das Zobtengebirge (Zobtenberg, 719 m) und die Striegauer Berge (858 m). Das anschließende Flachland wird nur durch zwei sanfte Höhenzüge unterbrochen: den Oberschlesischen Muschelkalkrücken, der sich in einer Breite von etwa 20 km von der Gegend Myslowitz-Tamowitz bis zur Oder südlich Oppeln hinzieht (höchste Erhebung Annaberg, 418 m), und den Schlesischen Landrücken, der rechtsodrig zwischen Weide und Bartsch verläuft (Katzengebirge oder Trebnitzer Hügel, 255 m) und jenseits der Oder, die ihn in der Gegend Steinau-Köben durchschneidet, sich südlich Glogau und Freystadt bis zum Bober fortsetzt.

Durch seine geographische Lage ist Schlesien schon seit der Vorzeit ein Durchgangsland weitreichenden Verkehrs. Die Verbindungen zu den Nachbarländern schuf weniger die Oder - diese spielte wegen unzureichender Wasserführung, Mühlenwehren und handelspolitischer Hindernisse am Unterlauf bis ins 18. Jh. für Schlesien keine nennenswerte Rolle als Wasserweg -‚ sondern vielmehr das Landstraßennetz. Der am stärksten von der Natur vorgezeichnete Landweg war der im Mittelalter als »Hohe Straße« bekannte, eine wichtige West-Ost-Verbindung, die parallel zum Mittelgebirgszug durch das nördliche Gebirgsvorland führte, letztlich vom Unterrhein bis zum Schwarzen Meer. Schlesien war aber dank der günstigen Gebirgspässe auch in Nord-Süd-Richtung Durchgangsgebiet des Fernhandels; es sei nur an die in der Römerzeit von der Ostsee durch Schlesien nach Süden führende Bernsteinstraße erinnert. Im Mittelalter liefen die von Norden (Danzig, Thorn, Posen, Stettin) kommenden Straßen vor allem in Breslau zusammen, wo sie die Hohe Straße kreuzten, und strebten dann den Pässen nach Böhmen und Mähren zu. 

Vorgeschichte

Die Verkehrsoffenheit und die siedlungsfreundliche Landschaftskammerung führten schon in ältester Zeit zur Niederlassung von Bevölkerungsgruppen im schlesischen Raum. Die archäologischen Funde reichen bis in die Altere Steinzeit zurück. Die Jäger und Sammler der Älteren und Mittleren Steinzeit wurden in der Jüngeren Steinzeit (3500 v. Chr.) durch bäuerliche Gruppen aus dem mittleren Donaugebiet, die Träger der Bandkeramiker-Kultur, verdrängt. Sie bevölkerten zunächst die schlesischen Löß- und Schwarzerdegebiete und griffen dann auch auf die leichteren Böden der Randgebiete über. Eine neue Welle von Einwanderern aus Ungarn brachte erstmalig Geräte und Schmuck aus Kupfer ins Land; ihre Kultur ist mit dem Ortsnamen Jordansmühl verbunden (um 2000 v. Chr.). Um diese Zeit oder etwas später ließen sich, aus dem Osten kommend, neue, kulturell höherstehende Bevölkerungsgruppen, die Träger der Trichterbecherkultur, in Schlesien nieder; sie führten die Pferdezucht ein und erweiterten den Siedlungsraum, indem sie auch minderwertigere Böden Ost- und Nordschlesiens in Bearbeitung nahmen, wahrscheinlich schon mit Hilfe eines pflugartigen Ackergeräts. 

Am Ende der Kupferzeit steht die Streitaxt-, Becher- oder schnurkeramische Kultur, deren Träger ebenfalls aus dem Osten, aus Südrußland, stammten; das Material ihrer Streitäxte, die ebenso wie die Becher als Grabbeigaben gefunden werden, kamen aus Werkstätten am Zobtenberg, wo Steinbrüche geeignetes Material lieferten. Auf dem Wege des Ausgleichs war am Ende der Kupferzeit aus den aus verschiedenen Zeitschichten und Räumen hervorgegangenen Formen die sog. Marschwitzer Kulturgruppe entstanden, mit gewissen Abweichungen in Mittel- und Südschlesien einerseits und Nordschlesien anderseits, unterbrochen nur von der aus dem Westen und Süden vereinzelt eingedrungenen, hochstehenden sog. Glockenbecher-Kultur. In der Bronzezeit (1800—700 v. Chr.) entwickelt sich Schlesien wieder stärker zum Berührungsgebiet verschiedener Kulturen:


Glockenbecher              

Die Schwarmitzer oder Grobia-Śmiardowo-Gruppe in Nordschlesien zeigt Beziehungen zum nördlichen Mitteleuropa, der Osten schließt sich der Trziniec-Kultur (bis zur mittleren Weichsel) an, in Mittelschlesien verstärkt die Marschwitzer Gruppe durch Zuwanderung und Handel ihre Ähnlichkeit zur ostböhmischen Aunjetitzer Kultur.

Im 15. Jh. v. Chr. erreicht, aus Ungarn über Niederösterreich und Mähren einströmend, die nach der Bestattungssitte benannte Hügelgräberkultur den größten Teil Schlesiens; zu ihren weiteren Kennzeichen gehören vor allem Waffen und Gerät aus Bronze, die weite Verbreitung finden. Ebenfalls durch Vermittlung des ungarischen Raumes folgt um 1300 v. Chr. die schließlich ganz Mitteleuropa überdeckende Urnenfelder-Kultur, die sich in Schlesien besonders in den siedlungsbeständigen Ackerbaugebieten der Mitte und des Südens ausbreitet, während der Norden zwar die Urnenbestattung übernimmt, aber vielfach darüber noch das Hügelgrab errichtet. Neue Kulturformen dringen etwa im 12. Jh. v. Chr. aus dem nordungarischen Raum nach Süd- und in Teile von Mittelschlesien ein. Gleichzeitig oder etwas später tauchen als Gegenströmung nördlichere, etwas archaischere Formen in Mittelschlesien auf, das sich auf diese Weise aus dem früheren Zusammenhang mit Südschlesien löst und stärkere Verbindungen zum Norden entwickelt, ohne seinen Charakter als Kernlandschaft Schlesiens aufzugeben. Hier finden sich aus dieser Epoche die Befestigungsanlagen bei Oswitz unweit Breslau, und der Zobtenberg wird vermutlich damals erstmalig eine Kultstätte getragen haben.

Bei der Mittleren und Jüngeren Bronzezeit (Urnenfelder-Bronzezeit, 1250—700 v. Chr.) und der frühen Eisenzeit setzen die Versuche der Wissenschaft ein, die archäologisch erkennbaren Kulturen mit bestimmten ethnischen Gruppen in Verbindung zu bringen. So werden seit langem Vergleiche zwischen illyrischen und venetischen Gruppen der adriatischen Küste und der Bevölkerung Schlesiens gezogen und dabei geographische, insbesondere Flußnamen des schlesischen Raumes mit der Sprache dieser Stämme in Beziehung gesetzt.


     Schwertgriff (Hallstatt)

In der frühen Eisenzeit (Hallstattzeit, 700—500 v. Chr.) lassen sich in Schlesien mehrere Gruppierungen erkennen: Der Nordwesten und Westen zeigen Zusammenhänge mit dem Zentrum der Lausitzer Kultur, der Süden solche mit Böhmen und Mähren. Der Nordosten und Osten treten als Zentrum der Eisenverarbeitung hervor. Die Kultur dieser Zeit wird in Schlesien aber vor allem durch bemalte und typenreiche Gefäßkeramik bestimmt. Handelsbeziehungen von der Weichselmündung durch Schlesien zum südöstlichen Alpenrand und weiter nach Oberitalien und Bosnien zeichnen sich ab.

Um die Mitte des letzten Jahrtausends tritt in der vorher kontinuierlichen Entwicklung des schlesischen Raumes ein deutlicher Bruch ein. Aus Südrußland kommend, unternehmen die Skythen einen Beutezug bis zur Oder, viele Siedlungen werden zerstört und verlassen; nur Nordschlesien scheint verschont geblieben zu sein. Von Böhmen und Mähren wandern im 4. Jh. v. Chr. Kelten nach Schlesien ein und bringen ihre hohe Kultur mit technischen Neuerungen, ausgeprägter Gebietsorganisation und stadtartigen »oppida«. Ihre Zentren sind im linksodrigen Schlesien, aber sie werden auch in das Eisenerzgebiet rechts der Oder ausgegriffen haben.

Die Existenz der Kelten in Schlesien wurde bald durch Germanen gefährdet Die Kimbern und Teutonen (2. Jh. v. Chr.) konnten ostwärts auf die Mittelkarpaten abgedrängt werden, ein nächster germanischer Vorstoß um 100 v. Chr. zwang jedoch die Kelten zur Flucht nach Süden; nur in Südschlesien hielten sie sich noch bis nach Christi Geburt. Bei den sich in Schlesien festsetzenden Germanen handelte es sich um die «Lugier« der antiken Quellen, die den zunächst anscheinend übergeordneten Namen der Wandalen («Wandilier«) übernahmen. Ihre archäologische Hinterlassenschaft wurde daher früher als »wandalisch« bezeichnet, heute spricht man oft von der «Oder-Warthe-Gruppe« oder nach polnischem Vorbild von der »Przeworsker Kultur«. Auch die Lugier setzten sich aus verschiedenen Gruppen mit selbständigen Namen zusammen. Der Name der Naharnavalen scheint von einer Priesterkaste abgeleitet zu sein, die das Heiligtum auf dem Zobtenberg betreute, und sich erst später auf die Bewohner der Umgebung ausgedehnt zu haben. Die Nachfolge der Naharnavalen traten die Silinger an, deren Name ursprünglich auch mit einem religiösen Kult verbunden gewesen sein könnte; seit dem 4. Jh. n. Chr. war es die Bezeichnung für alle in Schlesien wohnenden Wandalen - weiter im Südosten saßen die asdingischen Wandalen. In der Jüngeren Römischen Kaiserzeit zeigen sich in der germanischen Produktion (Waffen, Schmuck, Keramik u. a.) neben eigenen Formen auch Einflüsse aus den römischen Provinzen und den gotischen Gebieten in Südrußland und sogar direkte Nachahmung provinzial-römischer Stücke. Schlesien erlebte in dieser Zeit einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, die Bevölkerungsdichte stieg an, die Stammesorganisation mit einem Königtum an der Spitze dehnte sich fast über ganz Schlesien aus, wobei Mittelschlesien wiederum das Kernland bildete.

Die geringer werdende Funddichte deutet aber auf eine Abnahme der Bevölkerung schon vom 8. Jh. n. Chr. an hin, vielleicht die Folge der großräumigen Herrschaftsbildung in Schlesien, die Unzufriedene zur Abwanderung gezwungen haben könnte. Die Auswirkungen des Hunneneinbruchs in Europa um 375, der Schlesien nicht direkt traf, scheinen das Land um 400 erreicht zu haben. Ein Teil der Silinger schloß sich damals den westwärts ziehenden asdingischen Wandalen an. Das silingische Königtum in Schlesien ging jedoch erst ein Jahrhundert später nach dem Zusammenbruch der hunnischen Macht im Donauraum unter. Die germanischen Bewohner werden aber nicht ganz aus Schlesien verschwunden gewesen sein, als von der Mitte des 6. Jh. an Slawen in das Land einsickerten. 


Germanenkopf        

Dies bezeugen schon die geographischen Namen, die an sie zu erinnern scheinen. Dazu gehören vor allem der alte Name des Zobtenberges, der noch im 12./18. Jh. als »mons Silencii«, »Slenz« u. ä. überliefert ist, und die ursprüngliche Bezeichnung »Sclenza«, »Slenze« für den bei Breslau in die Oder mündenden Lobe-Fluß. Beide Namen werden meist auf den Stammesnamen der wandalischen Silinger zurückgeführt, der sich  auf den Slawenstamm der Siensane und von diesem schliel3lich auf das ganze Land Schlesien (lat. Silesia, poln. Śląsk) übertragen hat.

Die Slawen sind wahrscheinlich sowohl aus dem Osten als auch im Gefolge der Awaren nach Böhmen und Mähren gekommen. Sie werden die leergewordenen Siedlungsplätze der Silinger besetzt, das Land allmählich wieder mit Leben erfüllt, die Reste der Vorbewohner assimiliert haben.

Territoriale Anfänge zwischen böhmischer und polnischer Herrschaft

Der Beginn der territorial-staatlichen Entwicklung in Schlesien liegt im dunkeln. Grundlage der späteren Einheit des Landes waren die Stammesgaue, die sich schon früh innerhalb der einzelnen natürlichen Siedlungslandschaften gebildet haben müssen. Schriftlich erstmalig überliefert sind die schlesischen Stammesgaue in der Völkertafel des sogenannten Bayerischen Geographen aus der Mitte des 9. Jh.; sie kennt die »regiones« der Dedosize (im Nordwesten), Slensane (Slenzane, in Mittelschlesien), Opolane (im Osten) und Golensize (im Süden). Die Boborane und Trebowane erscheinen erst in der Bestätigungsurkunde Kaiser Heinrichs IV. für das Bistum Prag von 1086, die allerdings die Verhältnisse des späten 10. Jh. wiedergeben soll; es mag sein, daß diese beiden Stämme, von denen der erstere nach seinem Namen unschwer im Flußgebiet des Bober lokalisiert werden kann. Die Dedosize hatten ihre Hauptburg in Glogau, die Opolane — wie der Name schon verrät — in Oppeln, die Golensize in Grätz, die Boborane wohl in Bunzlau, die Trebowane vielleicht in Liegnitz; als Hauptburg des Slensane-Gebietes wird gelegentlich Nimptsch angenommen, jedoch ist zumindest in der jüngeren Stammeszeit diese Funktion Breslau zuzusprechen, das dank seiner zentralen, verkehrsgünstigen Lage schließlich zum administrativen, kirchlichen und wirtschaftlichen Mittelpunkt ganz Schlesiens geworden ist.

Bevor die Gründung des Bistums Breslau vollzogen werden konnte, sollte Schlesien zum heftig umkämpften Streitobjekt zwischen den durch Staatsgründung erstarkenden Nachbarn werden.

Als erstes Nachbarland dehnte Böhmen seine Macht über Schlesien aus. Nachdem der Premyslide Vratislav (894—921) zu Beginn des 10. Jh. die böhmischen und mährischen Gebiete unter seiner Führung vereinigt und damit wohl auch den Gau der Golensize bis zur Oder erworben hatte, eroberte er Mittelschlesien links der Oder; Breslau soll von ihm als Grenzfestung begründet und nach ihm benannt worden sein (Vratislavia). Auf seinen Sohn Boleslav 1. (935—72) wird der Name Bunzlau (Boleslavia) zurückgeführt; er soll nach dem Boborane-Gau um 950—965 das Wislanen-Gebiet um Krakau und damit auch den dazwischenliegenden Opolane-Gau seinem Reich eingegliedert sowie zeitweise sogar den Dedosize-Gau besessen haben. 


      Otto der Große

Wie damals üblich, wird die Machtausbreitung Böhmens in Schlesien mit Missionsversuchen einhergegangen oder gar mit diesen begründet worden sein; das von Bayern her missionierte Böhmen erhielt 978 mit dem Bistum Prag (Mainzer Suffraganbistum) ein eigenes Missionszentrum, das in die eroberten Gebiete hineinwirken konnte. Böhmen sollte sich jedoch nicht lange ungestört des Besitzes von Schlesien erfreuen. Auch westlich und nördlich des Landes erfolgte in jenen Jahrzehnten die Konzentration politischer Kräfte, die das Christentum in heidnische Gebiete tragen und dabei auch ihre weltliche Macht ausdehnen wollten. Westlich der Bober-Queis-Linie machte sich die energische Ostpolitik Kaiser Ottos I. bemerkbar. 

Mit der Errichtung der Kirchenprovinz Magdeburg zur Missionierung des slawischen Ostens 968 wurde in Meißen, dessen Burg von Ottos Vater Heinrich I. 929 erbaut worden war, ein Bistum gegründet. Sein Sprengel erstreckte sich ostwärts der Zwickauer Mulde über die damals eingerichtete (sächsische) Ostmark, die spätere Mark Meißen.

Um die Mitte des 10. Jh. war zwischen mittlerer Warthe, mittlerer Weichsel und Pilica ein polnischer Staat entstanden, der 966 oder 967 unter Herzog Mieszko I. aus dem Hause der Piasten (um 960—92) wohl durch Vermittlung tschechischer sowie deutscher und westeuropäischer Geistlicher das Christentum annahm und in enge Verbindung zum Römischen Reich trat. Schon in den 970er Jahren sollen die Polen im Bestreben, ihre Grenzen möglichst weit hinauszuschieben, das Gebiet der Dedosize besetzt haben. 990 drang Mieszko mit deutscher Unterstützung gegen Boleslav II. von Böhmen (972—99), seinen den Nachbarn zu mächtig gewordenen Schwager aus erster Ehe, nach Mittelschiesien vor und nahm den böhmischen Stützpunkt Nimptsch ein. Unter Mieszkos Nachfolger Boleslaus dem Tapferen (Boleslaw Chrobry, 992—1025) gelangten im Laufe des folgenden Jahrzehnts auch die Gaue der Opolane und Golensize (gleichzeitig mit dem Wislanen-Gebiet um Krakau) in polnische Hand. Bei der Einrichtung einer selbständigen polnischen Kirchenprovinz im Jahre 1000 wurde den neuen Grenzen des polnischen Staates Rechnung getragen: zu den neu begründeten Suffraganbistümern von Gnesen gehörte neben Kolberg und Krakau ein Bistum Breslau. Boleslaus der Tapfere konnte seine Macht zeitweise über Schlesien hinweg auf Böhmen (1003—04) und Mähren (1003—18/21), vor allem aber— den Tod Kaiser Ottos III. ausnutzend — nach Westen auf die (Nieder-)Lausitz und einen Teil der Mark Meißen (von 1002 mit Unterbrechungen bis 1031) ausdehnen.

Mit dem Tode Boleslaus (1025) geriet aber das von ihm aufgebaute Großreich durch innere Schwierigkeiten und Streit in Verfall, Randgebiete gingen verloren, im inneren brachte eine unter heidnischen Vorzeichen geführte Empörung (1037/38) die noch nicht verwurzelte christliche Kirche in Gefahr. In Breslau mußte der Bischof fliehen. Der böhmische Herzog Bretislav 1. (1034—55) nützte jedenfalls die Gelegenheit, um Schlesien wieder zu besetzen. 

Zwar konnten sich die Polen um 1050 wieder in Schlesien festsetzen, aber es war nur ein (allerdings großer) Teil des Landes, und auch für diesen mußten sie auf Grund des durch Kaiser Heinrich III. vermittelten Friedens von Quedlinburg (1054) den Böhmen einen Tribut zahlen, was den Anlaß zu häufigen Kriegen zwischen Polen und Böhmen lieferte. Erst der Glatzer Pfingstfriede des Jahres 1187 brachte Schlesien einen dauerhaften Frieden und eine sichere Grenze gegenüber Böhmen-Mähren. Beim Tode des Herzogs Boleslaus III. Schiefmund (Boleslaw III. Krzywousty) 1138 wurde in Polen die von ihm testamentarisch festgelegte Senioratsverfassung eingeführt, die für die vier ältesten Vertreter des Geschlechts je ein Teilgebiet, für den ältesten, den die Politik des Gesamtstaates bestimmenden Senior, obendrein das Gebiet von Krakau als Ausstattung vorsah.


Boleslaw Chrobry     

 Schlesien wurde eines der Teilgebiete, und zwar dasjenige des Seniors Wladislaus (Wladyslaw) II. Schon im 11. Jh. war es als polnisches »Herogtum« (ducatus) angesehen worden; Breslau, dessen Kastellan den Herrscher von Polen in Schlesien vertrat, entwickelte sich zum unbestrittenen Vorort des Landes. — Da das Band des Seniorats sich als zu schwach erwies, um die Teilgebiete zusammenzuhalten, vielmehr zum Anlaß blutiger Auseinandersetzungen wurde und mit dem Tode des letzten Sohnes Boleslaus‘ III. (Mieszkos des Alten) endgültig riß, führte diese Nachfolgeregelung praktisch zum Aufteilung Polens in selbständige Fürstentümer. Sie dauerte zwei Jahrhunderte, und als sie im ersten Viertel des 14. Jh. überwunden wurde, war Schlesien andere Bindungen und Verbindungen eingegangen; die Herrscher des neuen Königreiches Polen konnten nur noch das Ausscheiden Schlesiens aus dem Verband der polnischen Länder bestätigen.

 

 
Vom polnischen Teilfürstentum zum böhmischen Kronland (1138—1419)

Wladislaus II. (1138—46) wurde Stammvater einer selbständigen Linie der Piastendynastie, der schlesischen Piasten, die sich ihrerseits in mehrere Zweige aufspalteten. Der letzte von ihnen starb im Mannesstamm 1675 aus, viel später als die übrigen Piasten (im Königreich Polen 1370, in Masowien 1526).

Die Anfänge der schlesischen Piasten schienen allerdings nicht auf eine so lange Zukunft hinzuweisen. Wladislaus II. sah sich bald mit der Gegnerschaft seiner vier Halbbrüder konfrontiert, die mit dem Erzbischof von Gnesen und dem Adel verbündet waren. Der durch den Herzog verursachte Sturz des Palatins 1145 führte ein Jahr später zu dessen eigener Vertreibung aus dem Lande. Wladislaus suchte beim Halbbruder seiner Gemahlin (Agnes von Österreich), dem deutschen König Konrad III., Zuflucht. Zwar unternahm 1146 Konrad III. und 1157 sein Nachfolger Kaiser Friedrich I. Barbarossa einen Kriegszug gegen Polen. Im Vordergrund ihrer Unternehmungen stand aber die Wiederherstellung der Lehnsabhängigkeit Polens vom Römischen Reich, und da der nachgerückte Senior von Polen, Boleslaus IV. »Kraushaar«, diese anerkannte, erreichte er eine vorläufige Einigung mit den deutschen Herrschern, zumal da er Verhandlungen über die Wiedereinsetzung des im thüringischen Altenburg im Exil lebenden Wladislaus versprach, allerdings ohne zu solchen zu erscheinen. 

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  Stammbaum Piasten

Als Friedrich nach seinem Italienzug sich wieder der Angelegenheit zuwandte, war Wladislaus bereits verstorben (1159); der Kaiser erreichte aber 1163 für dessen drei Söhne, daß sie das Erbe ihres Vaters, Schlesien, übertragen bekamen. Diese standen auch nach ihrer Einsetzung als Herzöge von Schlesien unter dem Schutz des Kaisers; sie waren ihm allerdings auch zu einer besonderen Tributzahlung verpflichtet, trotz der Einbindung ihres Landes in die Senioratsverfassung Polens.

Die Brüder regierten Schlesien bis zum Tode des Seniors Boleslaus IV. (1173), der ihnen Schwierigkeiten bereitete und dadurch Kaiser Friedrich zu erneutem Eingreifen zwang (1172), anscheinend gemeinsam. Bei der danach vorgenommenen Landesteilung fiel mit den Gebieten Breslau, Liegnitz und Oppeln der größte und bedeutendste Anteil an den ältesten der Brüder, Boleslaus I., den Langen (Boleslaw Wysoki, 1168—1201). Verglichen damit nahm sich der Anteil des mittleren Sohnes des Wladislaus, Mieszko (1168—1211), der nur die Gebiete Ratibor und Teschen umfaßte, äußerst bescheiden aus. Dies wohl veranlaßte den neuen Senior, Herzog Kasimir II., den Gerechten (1177—94), Mieszko vom Krakauer Land! Sewerien und die Gebiete Beuthen, Nikolai und Auschwitz abzutreten (um 1178). Das Gleichgewicht zum Herrschaftsgebiet Boleslaus war damit jedoch keineswegs hergestellt, und so war Mieszko von Ratibor auf weiteren Landerwerb bedacht. Die Gelegenheit hierzu bot sich nach dem Tode seines Bruders Boleslaus I. von Breslau. Als Jaroslaus, seit 1198 Bischof von Breslau, im März 1201 und sein Vater Boleslaus I. wenige Monate später (Dez. 1201) gestorben waren, besetzte Mieszko das Oppelner Land. Boleslaus Sohn und Erbe, Heinrich, sah sich gezwungen, nicht nur auf Oppeln zu verzichten, sondern auch darin einzuwilligen, daß zwischen den von Boleslaus I. von Breslau und Mieszko I. von Ratibor ausgehenden Fürstenhäusern kein Erbrecht bestehen sollte (25. 11. 1202). Diese Bestimmung wurde maßgebend für die Sonderentwicklung des später mit dem Namen »Oberschlesien« belegten Landes. Seine Fürsten — auch die Besitzer von Teilgebieten — nannten sich fortan »Herzöge von Oppeln« und verwendeten bis ins 14. Jh. hinein den Namen »Schlesien« überhaupt nicht. Die in Mittel- und Niederschlesien regierenden Piasten hingegen führten den Titel »Herzöge von Schlesien« auch dann noch, als das Land bereits in Teilherzogtümer mit eigenen Namen zerfallen war.

Das Jahr 1202 ist für die Geschichte Schlesiens noch aus einem anderen Grunde bedeutsam: damals wurde in Polen mit dem Tode Mieszkos des Alten die Senioratsverfassung endgültig aufgehoben. Damit waren die beiden schlesischen Herzogtümer zu staatsrechtlich unabhängigen Herrschaften geworden, wenn auch durch die verwandtschaftlichen Bande zwischen den Herrscherfamilien und durch die gemeinsame Vergangenheit in zwei Jahrhunderten das Zusammengehörigkeitsbewußtsein aller polnischen Länder noch weiterlebte. Aber der langjährige Aufenthalt der Söhne Wladislaus II. in Deutschland, die vornehmlich nach Deutschland und Böhmen geknüpften Heiratsverbindungen der Fürsten und in deren Gefolge der Zuzug von Adligen und Geistlichen, schließlich die von Westen und Süden an die Grenzen Schlesiens herangeführte deutsche Ostsiedlung mit modernen Wirtschafts-, Sozial- und verfassungsformen bewirkten, daß sich das Land freiwillig der deutschen Kultur und auch den deutschen Siedlern öffnete. Dies schloß nicht aus, daß die Herren Schlesiens sich auch weiterhin in die Angelegenheiten Polens einmischten.

So nahm z. B. Heinrich I. von Schlesien (1201—88) regen Anteil an den polnischen Erbauseinandersetzungen und Machtkämpfen und baute sich auf diese Weise ein ausgedehntes Herrschaftsgebiet auf, das über seine Erblande Mittel- und Niederschlesien hinaus Teile Großpolens (bis zur Warthe) einschließlich des Landes Lebus und das Krakauer Teilgebiet umfaßte; im Westen gehörten ihm zeitweise auch der Barnim und der Teltow sowie Teile der (Nieder-) Lausitz, und als Vormund minderjähriger Fürsten regierte er auch im Oppelner und Sandomirer Land.


Deutsche Ostsiedlung             
                        

Die überragende und bleibende geschichtliche Leistung Heinrichs I., der bedeutendsten Herrscherpersönlichkeit des schlesischen Mittelalters, liegt jedoch in der entscheidenden Anregung und Förderung der Einwanderung deutscher Siedler, die einen Wandel der inneren Verhältnisse des Landes einleiteten. Zu den ersten Vermittlern westlicher Kulturformen gehörten Romanen, und zwar Wallonen; es sei auf die auf dem Zobtenberg angesetzten Augustiner-Chorherren aus Arrouaise in Flandern (zwischen 1121 und 1188), auf die wallonischen Weber in Breslau (Mitte 12. Jh.?) und Ohlau und auf wallonische Bauern in der Nähe von Breslau, Ohlau und Namslau hingewiesen. In den großen Handelszentren werden sich früh neben romanischen und deutschen auch jüdische Kaufleute niedergelassen haben; in Liegnitz lehnte sich das Judenviertel direkt an die Burg an.

Im Gefolge des aus dem thüringischen Exil heimkehrenden Herzogs Boleslaus I. (1163) werden gewiß manche Deutsche nach Schlesien gekommen sein, vielleicht auch schon Mönche aus dem Zisterzienserkloster Pforta, die 1175 einen Stiftungsbrief für das Kloster Leubus an der Oder erhielten. Darin wurde ihnen zugestanden, auf ihren Gütern Deutsche anzusiedeln. Sie haben zumindest seit der Wende zum 13. Jh. von dieser Erlaubnis Gebrauch gemacht. Im ersten Jahrzehnt des 18. Jh. setzte aber auch schon die von Herzog Heinrich I. eingeleitete systematische Ansiedlung von Deutschen ein, die in der Mehrzahl wahrscheinlich aus Mitteldeutschland einwanderten.

Die wichtigste Aufgabe, die sich Heinrich I. gestellt hatte, war die Aussetzung neuer bäuerlicher Siedlungen, die zugleich eine Sicherung der Grenzen gewähren sollten. Zunächst ergriff die Gründungswelle den Bereich des Grenzverhaus, der Preseka, dann drang sie nach außen in die Grenzwälder vor. Auf diese Weise entstand in der Regierungszeit Heinrichs I. (1201—38) und seines Sohnes Heinrich II. (1238—41) am Westrand des Landes im Bober-Queis-Gebiet und räumlich anschließend im Südwesten am Gebirgsrand auf Rodungsboden ein breiter Streifen großer deutscher Bauerndörfer, die den Kern für den deutschen Neustamm der Schlesier abgaben. Deutsche Dörfer entstanden auch in Waldinseln innerhalb des slawischen Siedlungsgebietes, so etwa im Dreieck Breslau—Liegnitz—Frankenstein. Die deutsche Besiedlung erfolgte meist auf herzoglichem Boden. Aber der Herzog schenkte für diesen Zweck auch ausgedehnte Ländereien — vor allem in Grenznähe — an geistliche Einrichtungen, die sich um die Kolonisation sehr verdient machten.


       Mongoleneinfall

Ein zweites Anliegen des Herzogs war die bessere Ausnutzung der Bodenschätze (Silber und Gold) durch die modernen Abbaumethoden deutscher Bergleute. Es ist kein Zufall, daß — abgesehen von Breslau — die beiden Bergbauorte Goldberg (1211) und Löwenberg (1217) die beiden ältesten belegten deutschrechtlichen Städte Schlesiens sind. Die Einführung des westlichen Städtewesens überhaupt war ein weiteres Ziel Heinrichs I. Neben den genannten Bergstädten erhielten bis zum Mongoleneinfall (1241) einige slawische Städte im wirtschaftlichen Sinne oder Marktorte deutsches Recht - so Breslau, Neumarkt, Zobten und Ohlau -‚ vor allem aber entstanden neue deutsche Städte als Mittelpunkte der Neusiedlungsgebiete; dazu gehörte u. a. die Städtereihe am Gebirgsrand mit Naumburg am Queis, Schönau, Bolkenhain, Striegau, Freiburg, Reichenbach, Neisse, Ziegenhals.

Der Mongoleneinfall von 1241 brachte dem schlesischen Lande zwar Verluste bei; sie waren jedoch auf die schmale Durchzugsschneise der Mongolen — etwa im Zuge der Hohen Straße von Krakau über Oppeln—Breslau bis in die Liegnitzer Gegend und dann nach Südosten zur Mährischen Pforte — beschränkt und wurden im Rahmen der unverzüglich weitergeführten Kolonisation ausgeglichen.

Die Zeit nach 1241 brachte eine starke Ausweitung der deutschen Siedlung, durchgeführt vor allem mit Menschen aus den älteren deutschen Orten Schlesiens. In Niederschlesien links der Oder rückte die Kolonisation vom Gebirgsrand ins Gebirge selbst hinauf, gefördert besonders von den Herzögen Bernhard von Löwenberg (1278—86) und Bolko I. von Jauer-Löwenberg-Schweidnitz (1278 bis 1801) sowie den Breslauer Bischöfen Thomas I. (1282—68) und Thomas II. (1270—92).

Am Ende des 13. Jh. war fast ganz Schlesien von der deutschen oder deutschrechtlichen Siedlung erfaßt; nur wenige Gebiete, vor allem in östlichen Randzonen, waren von ihr unberührt geblieben. Durch die deutsche Siedlung hatte sich das Siedlungsbild Schlesiens nicht nur hinsichtlich der Siedlungsdichte, sondern auch der Siedlungsformen vollkommen geändert. Die deutschen Dörfer waren große, planmäßige Anlagen. Im Gebirge und in seinem Vorland sowie in anderen Waldgebieten fand das sog. Waldhufendorf Verbreitung: ein beiderseits eines Talweges angeordnetes Reihendorf mit etwa 100 m Straßenanteil pro Gehöft und einer unmittelbar hinter dem Hof bergauf anschließenden Feldflur von ca. 2500 m Länge, das Maß einer fränkischen Hufe ergebend. In der Ebene traten das Straßen- und Straßenangerdorf auf, bei denen die Gehöfte dicht nebeneinander zu beiden Seiten einer Straße oder eines länglichen Angers angeordnet waren und die Felder sich auf mehrere »Gewanne« verteilten, die nach der Stellenzahl des Dorfes in schmale Streifen aufgegliedert waren. 

Der Grundbesitz eines Bauern war die Hufe, eine Maßeinheit, die auf Waldrodungsboden knapp 25 ha entsprach (»fränkische Hufe«), im Altsiedelland 16,8 ha (»flämische Hufe«). Wirtschaftlicher, rechtlicher und kultureller Mittelpunkt einer ländlichen Siedlungsgruppe wurde eine — vielfach neben einer slawischen Siedlung begründete — Stadt, eine regelmäßige, mit einem Mauerring umgebenen Anlage, meist mit schachbrettartigem Straßennetz und einem großen rechteckigen bis quadratischen Marktplatz (»Ring«) in der Mitte, in dessen Nähe ein Platz für die Kirche ausgespart war.

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Die deutsche und deutschrechtliche Siedlung hatte wirtschaftliche, soziale, rechtliche, verwaltungsmäßige und kirchenorganisatorische Folgen. Die Siedler wurden zu dem ihnen geläufigen deutschen Recht angesetzt und ausdrücklich vom polnischen Recht eximiert. Das bedeutete für sie eine wesentliche Besserstellung gegenüber den nach polnischem Recht wirtschaftenden Bauern. Sie brauchten dem Landesherren (nach einer Anzahl von Freijahren) nur Zinsen in Form von Geld und Getreide abzuliefern, nicht aber die nach polnischem Recht üblichen verschiedenen Abgaben und Dienste zu leisten. Die Zehntleistung an die Kirche erfolgte — nach anfänglichem harten Widerstand seitens der Bischöfe — in der Regel durch Zahlung einer Viertelmark pro Hufe. Die neu eingeführte Dreifelderwirtschaft erbrachte größere Erträge als die frühere Feldgraswirtschaft. Die nahen Städte waren sichere Abnehmer der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und lieferten die benötigten handwerklichen Produkte, Bier und andere Waren, für deren Herstellung und Vertrieb sie das Monopol besaßen. Da die meisten deutschen Dörfer ihre eigene Kirche errichteten, brachte die deutsche Siedlung eine ungeheure Verdichtung des Pfarrnetzes; als Folge dessen wurde das Bistum in die Archidiakonate Breslau, Oppeln, Glogau (1227/ 28) und Liegnitz (1262) aufgeteilt. Die Städte, durch das deutsche Stadtrecht (Magdeburger, von diesem abgeleitet im schlesischen Raum das Löwenberger, Neumarkter, Neisser Recht) mit besonderen Selbstverwaltungsorganen ausgestattet, entwickelten durch Gewerbe, Bergbau und Handel vielfach beachtliche Wirtschaftskräfte, die ihnen die Handhabe gaben, von den häufig finanzschwachen Landesherren eine Erweiterung ihrer Wirtschafts- und Rechtsprivilegien zu erkaufen. Die politische Entwicklung Schlesiens entsprach keineswegs den geschilderten Fortschritten des Landes im Bereich der Wirtschaft, des Rechts und des sozialen Lebens.

Heinrichs I. Sohn Heinrich II., der Fromme, konnte das Erbe des Vaters im ganzen noch zusammenhalten, wenn auch manche außerschlesische Besitzungen verlorengingen. Ihm war aber nur eine kurze Regierungszeit beschieden: Auf ihrem Vorstoß nach dem Westen fielen im Jahre 1241 Mongolen von Krakau her nach Schlesien ein und durchzogen das Land, Schrecken verbreitend, bis in die Gegend von Liegnitz. Dort, bei Wahlstatt, stellte sich Heinrich II. mit seinem Kriegsvolk, ferner Johanniter- und Deutschordensrittern sowie groß- und kleinpolnischen Hilfstruppen tapfer dem Feinde: Heinrichs Heer wurde geschlagen, der Herzog verlor sein Leben. Auch die Zerstörungen, die die Mongolen verursacht hatten, werden nicht so katastrophal wie früher angenommen gewesen sein. 


                Zobtenberg

Schlimmer wog es wohl, daß Schlesien den Herzog verloren hatte, der vielleicht die Einheit des niederschlesischen Herrschaftsgebietes zumindest für eine zeitlang gewahrt hätte. So aber setzte unter seinen Nachkommen noch vor der Mitte des 13. Jh. eine immer weitergehende Aufteilung des Erbes ein; die Zersplitterung des schlesischen Landes ging so weit und die Zugehörigkeit einzelner Besitzkomplexe wechselte so oft, daß es vielfach unmöglich ist, sich ein Bild vom jeweiligen Zustand zu verschaffen. Nach dem Tode Heinrichs II. von Schlesien (1241) regierte dessen ältester Sohn Boleslaus II. zunächst auch für seine unmündigen Brüder. 

1248/51 erfolgte dann eine Erbsonderung: Boleslaus II. begründete das Herzogtum Liegnitz, Konrad I. das Herzogtum Glogau, Heinrich III. behielt — mit Wladislaus, dem späteren Erzbischof von Salzburg, als Mitregenten — Breslau. Schon die nächste Generation teilte die Territorien weiter auf: von Liegnitz spalteten sich die Anteile Löwenberg und Jauer, von Glogau Sagan und Steinau ab, und in der dritten Generation sonderten sich Brieg (von Breslau), Schweidnitz und Münsterberg (von Löwenberg-Jauer) sowie Oels (von Glogau) aus. Gleichzeitig veränderten sich die Grenzen zwischen den einzelnen Territorialkomplexen. — Auch das von Mieszko I. von Ratibor begründete Fürstenhaus, das sich nunmehr nach seiner neuen Residenz Oppeln nannte, blieb von Erbteilungen nicht verschont; nur setzten sie dort eine Generation später ein. Die vier Söhne Wladislaus I. von Oppeln - eines Enkels Mieszkos I. - teilten das Land 1281 in die Teilherzogtümer Oppeln, Cosel-Beuthen, Ratibor und Teschen auf. Auch hier ging die Aufteilung schon in der nächsten Generation weiter: Oppeln zerfiel in die Anteile Oppeln, Falkenberg und Groß Strehlitz, Cosel-Beuthen in Cosel, Beuthen und Tost, Teschen in Teschen und Auschwitz. — Damit war noch keineswegs das Endstadium der Teilungen erreicht; allerdings kam es gelegentlich auch zu erneuten Zusammenlegungen.

Die Teilungen waren häufig das Ergebnis heftiger, auch kriegerischer Auseinandersetzungen, an denen neben den unmittelbaren Kontrahenten auch Parteigänger beider Seiten - schlesische wie nichtschlesische - beteiligt waren. Die von außen nach Schlesien einwirkenden Kräfte kamen sowohl aus Polen, zu dem Schlesien noch in lockerer Beziehung stand, als auch aus Böhmen. Ihnen entsprach aber zugleich die Einflußnahme schlesischer Fürsten auf Vorgänge in den Nachbarländern. Vor allem das politisch ebenso zerrissene Polen bot hierzu zahlreiche Anlässe; Teile Groß- und Kleinpolens waren auch in dieser Epoche zeitweise im Besitz schlesischer Fürsten. Aber in zunehmendem Maße liefen die politischen Fäden ebenso nach Prag.

Die Regierung Herzog Heinrichs IV. von Breslau (1270—90) wirft ein Schlaglicht auf das Eingebundensein Schlesiens in das Spannungsfeld zwischen Böhmen und Polen. Nach dem Tode seines Vaters Heinrich III. (1266) übernahm dessen Bruder und Mitregent Wladislaus die Regierung in Breslau, da Heinrich IV. erst 8—9 Jahre alt war. Er wurde am Prager Hof erzogen, und 1270 wurde König Ottokar II. von Böhmen sein Vormund. Nach Ottokars Tod erhielt Heinrich nicht - wie erwartet - die Statthalterschaft in Böhmen für den minderjährigen Wenzel (II.), er wurde aber von Rudolf von Habsburg, der ihn auch zum Reichsfürsten machte, mit dem böhmischen Gebiet von Glatz entschädigt. 

Heinrich errang nicht nur eine Vormachtstellung in Schlesien, sondern es gelang ihm 1288 auch die Einnahme von Krakau, nicht zuletzt mit Hilfe der deutschen Bürgerschaft dieser Stadt. Als Erben seiner Besitzungen hatte er zunächst den böhmischen König Wenzel II. vorgesehen, am Totenbette änderte er jedoch das Testament: Heinrich III. von Glogan sollte Breslau, Primislaus II. von Großpolen Krakau erhalten, Glatz an Böhmen zurückfallen. In dem anschließenden Kampf um die polnischen Länder zwischen den Herzögen der Teilgebiete und den Königen von Böhmen siegten am Ende die kleinpolnischen Piasten; sie schufen ein neues Königreich Polen. Die schlesischen Länder aber, die angesichts ihrer Zersplitterung die Anlehnung an einen Schutz gewährenden Staat brauchten, lösten sich nunmehr endgültig aus dem polnischen Staatsverband heraus und unterstellten sich der Krone Böhmens.


Ottokar II.      

Schon 1289 hatte Kasimir II. von Cosel-Beuthen die Lehnshoheit Böhmens angenommen, andere Oppelner Fürsten waren 1292 seinem Beispiel gefolgt. Aber erst 1327 unterstellten sich die schlesischen Teilherzogtümer - damals 17 an der Zahl - endgültig unter die seit 1311 im Besitz der Luxemburger befindlichen Krone Böhmens. Die Herzöge der Oppelner Länder und von Breslau (1327), von Liegnitz, Brieg, OeIs, Sagan und Steinau (1329) reichten ihr Land freiwillig Johann von Böhmen zu Lehen auf; unter Druck erreichte der König die Huldigung von Glogau 1331 und von Münsterberg 1336. 1342 einigte sich auch der Bischof von Breslau mit dem böhmischen Herrscher und huldigte ihm für das Bistumsland, das aus der bischöflichen Kastellanei Ottmachau (vor 1155) hervorgegangene Territorium, für das die Bischöfe nach langem Streit 1290 die beschränkte, 1333 die volle Landeshoheit erworben hatten und das sie in jenen Jahren durch den Ankauf von Grottkau zu dem Fürstentum Neisse-Grottkau erweiterten, das ihnen den Titel »Fürstbischof« einbrachte. Nur der mächtige Herzog Bolko II. von Schweidnitz-Jauer, der sich auch außerhalb seiner Herzogtümer einen beachtlichen Besitz aufgebaut hatte, erkannte den böhmischen König nicht als Lehnsherrn an; mit seinem Tode 1368 kam aber sein Land doch unter böhmische Hoheit, da seine Nichte und Erbin Anna Karl IV. von Böhmen geheiratet hatte.

Inzwischen hatte König Kasimir III., der Große, von Polen 1335 im Vertrag von Trentschin auf die unter böhmische Lehnshoheit oder unmittelbare Landesherrschaft gestellten schlesischen Gebiete verzichtet. Vergebens versuchte er später, von der Vereinbarung zurückzutreten. Sein Nachfolger, König Ludwig der Große, bestätigte 1372 noch einmal den Verzicht auf alle schlesischen Herzogtümer. Damit waren die letzten politischen Bindungen Schlesiens an Polen gerissen. Bestehen blieb - da der Erzbischof von Gnesen Widerstand leistete und auch die Kurie die ihr aus den polnischen Bistümern zufließenden »Peterspfennig«-Einnahmen nicht geschmälert sehen wollte - die Zugehörigkeit des Bistums Breslau zur polnischen Kirchenprovinz Gnesen, die erst auf Betreiben Preußens 1821 aufgehoben wurde.


     Kasimir d. Gr.

Dem Lande Schlesien brachte die Unterstellung unter Böhmen die Aufnahme in das Römische Reich - denn Böhmen war ein Glied desselben - und damit eine Bindung an Deutschland, allerdings nur eine mittelbare: die schlesischen Herzöge wurden nicht Reichsfürsten, sie waren nur Böhmen untertan. Schlesien soll nach Berechnungen auf der Grundlage der Peterspfennig-Listen um die Mitte des 14. Jh. eine Bevölkerungszahl von fast einer halben Million gehabt haben; mehr als die Hälfte davon sollen Deutsche gewesen sein. Das Land besaß sogar einen solchen Überschuß an Menschen, daß es in großer Zahl Kolonisten für Großpolen, das Ordensland Preußen, Oberungarn und vor allem für Kleinpolen und Rotpreußen freigeben konnte. Breslau hatte rege Beziehungen auch zum Ostseeraum; dies kommt schon in der Zugehörigkeit der Odermetropole zur Hanse zum Ausdruck (1387 belegt) — Breslau und Krakau waren, weit entfernt vom eigentlichen Bereich der Hansestädte gelegen, die einzigen Glieder dieses Städteverbandes im südöstlichen Binnenland.

 Der wichtigste Partner Breslaus im Norden war Thorn, seit dem 15. Jh. Danzig. Entsprechend dem Wunsche der Luxemburger suchte Breslau nach Süden hin über Wien hinaus direkten Kontakt zu Venedig und erreichte ihn trotz Erschwerungen seitens der Österreicher gegen Ende des 14. Jh. Schlesien vermittelte nicht nur fremde Waren, sondern hatte auch eigene Produkte anzubieten; vor allem blühte allenthalben in den Städten die Tuchmacherei, und das Bier von Schweidnitz war ebenfalls geschätzt.

König Johann nannte sich 1344 »supremus dux Slezianorum« und umschloß mit diesem Begriff sowohl Niederschlesien als auch Oberschlesien. Schon 1327 hatte sich Bolko II. von Oppeln als Herzog von Schlesien bezeichnet; dies taten im Landfrieden von 1349—51 und fortan immer häufiger auch die anderen Fürsten der Oppelner Länder — vielleicht auf Grund des Schlesien einigenden Bandes der böhmischen Lehnsherrschaft. Karl IV. inkorporierte 1348 die schlesischen Fürstentümer förmlich der Krone Böhmens und bestätigte dies als Kaiser 1355. Die Hoheitsrechte der schlesischen Fürsten blieben allerdings unangetastet; in den Erbfürstentümern vertraten Landeshauptleute den König.

Die Zeit der Hussitenkriege und des Ringens um die Krone Böhmens (1419—1526)

Die Verbrennung des Johannes Hus in Konstanz im Jahre 1415 löste in Böhmen religiöse und nationale Agitationen aus, die der nachgiebige König Wenzel IV. von Böhmen duldete. Als Wenzel 1419 starb, verweigerten die Tschechen seinem Bruder Sigismund die Anerkennung als neuem König von Böhmen, weil er als Deutscher König Hus trotz erteilten Geleitbriefes hatte hinrichten lassen. Sigismund berief daraufhin 1420 einen Reichstag nach Breslau ein — es war der erste östlich der Elbe abgehaltene Reichstag —und beschloß Maßnahmen gegen die aufständischen Tschechen. Achtzehn schlesische Fürsten huldigten dem König und versprachen Hilfe gegen die Feinde Sigismunds. 1421 fiel ein schlesisches Heer in Böhmen ein. Die Hussiten brachten jedoch den Anhängern des Königs Niederlagen bei und boten die Krone Böhmens zunächst dem polnischen König Wladislaus II. und dann — als dieser ablehnte — Witold von Litauen an. Dieser war grundsätzlich bereit, das Angebot anzunehmen, und schickte seinen Neffen Sigmund Korybut nach Prag. Unter dem Eindruck der ersten Einfälle der Hussiten (seit 1425) kam es 1427 zur Strehlener Einung, einer gegen die Hussiten gerichteten gesamtschlesischen militärischen und politischen Organisation. Aber Schweidnitz blieb abseits, und mehrere oberschlesische Fürsten einigten sich mit den Tschechen auf eine neutrale Haltung. Ab 1427 fielen die Hussiten öfter in Schlesien ein und brannten zahlreiche Städte und Klöster nieder; am verlustreichsten war das Jahr 1428. 

Manche schlesischen Städte machten die Hussiten zu ihren Stützpunkten, von denen aus sie jahrelang die Gegenden unsicher machten; Gleiwitz war 1430/31 Standquartier Sigmund Korybuts, Kreuzburg 1430—34 Sitz des Hussitenführers Dobeslaus Puchala, auch Nimptsch und Ottmachau blieben 1430—34 bzw. 1430—35 in hussitischer Hand. Nach dem Sieg der gemäßigten böhmischen Partei (Utraquisten) über die Radikalen bei Lipan in Böhmen 1434 kam es zu einem Frieden zwischen den Tschechen und Sigismund, der nunmehr in Böhmen als König anerkannt wurde. Die Schlesier wurden von Sigismund 1435 in einem Landfrieden unter dem Breslauer Bischof Konrad von Oels als Oberhauptmann geeinigt.


Kaiser Sigismund       

Sigismunds Nachfolger als König von Böhmen und Ungarn sowie als Deutscher König wurde dessen Schwiegersohn Albrecht V. von Österreich (als Deutscher König Albrecht II.). Eine Gruppe utraquistischer Tschechen bot jedoch die böhmische Krone dem polnischen König Wladislaus III. an. Auf dessen Vorschlag wurde allerdings Wladislaus‘ jüngerer Bruder Kasimir zum Gegenkönig gewählt. In Prag konnte sich zwar Albrecht durchsetzen; im östlichen Schlesien mußten aber die Herzöge von Auschwitz, Ratibor, Oppeln und Brieg unter militärischem Druck den Jagiellonen Kasimir als König von Böhmen und damit als ihren Lehnsherrn anerkennen. Durch den baldigen Tod Albrechts (1439) änderte sich die Lage erneut: Um die Nachfolge in Ungarn stritten nun Albrechts Witwe Elisabeth für ihren nachgeborenen Sohn Ladislaus und der polnische König Wladislaus III. Polen beanspruchte auch Schlesien und überzog das Land mit Krieg. Die Mehrzahl der schlesischen Fürsten hielt zu Elisabeth; diese war aber nicht in der Lage, dem Land zu helfen.

Nach dem Tode Wladislaus III. von Polen in der Schlacht gegen die Türken bei Warna (1444) entspannte sich das Verhältnis Polen—Böhmen; Kasimir IV. von Polen — der einstige böhmische Gegenkönig — zeigte kein Interesse an Böhmen. In Böhmen selbst riß 1448 der Hauptmann von Ostböhmen Georg von Podiebrad die Macht an sich; er erhielt 1452 die Stellung eines Landesverwesers, Böhmen wurde zum Wahlkönigreich erklärt und Ladislaus Posthumus 1453 zum König von Böhmen gewählt. Die Schlesier bekannten sich zum jungen König; allerdings regte sich Widerstand gegen den eigentlichen Machthaber Georg von Podiebrad. Dieser ließ sich nach dem frühen Tode König Ladislaus‘ (1458) von den böhmischen Ständen selbst zum König wählen und belehnte seine Söhne mit den schlesischen Herzogtümern Münsterberg und Troppau (sowie mit Glatz, das auf diese Weise in engere Beziehungen zu Schlesien kam). Tschechischer Einfluß machte sich in Schlesien auch durch die Einsetzung tschechischer Adliger als Landeshauptleute der Erbfürstentümer und in andere Positionen geltend; Tschechisch wurde in weiten Teilen Schlesiens Amtssprache.

Die innere Entwicklung Schlesiens während des 15. Jh. war von der von außen hereingetragenen Unsicherheit bestimmt. Die Zersplitternng des Landes und die Machtkämpfe unter rivalisierenden Gliedern der einzelnen Fürstenfamilien hielten auch in der Zeit äußerer Bedrohung an, im Gegenteil: die Einmischung Auswärtiger bot mehr Möglichkeiten zu Parteienbildung. Randgebiete gingen damals Schlesien für immer verloren, manche Territorien kamen in die Hand nichtschlesischer Fürstenhäuser. Im Westen verkaufte Herzog Hans II. das Fürstentum Sagan 1472 an Herzog Albrecht den Beherzten von Sachsen, Schwiegersohn Georgs von Podiebrad; bis 1549 blieb Sagan wettinisch, ohne aus dem schlesischen Territorialverband auszuscheren. Dies geschah hingegen praktisch — da es sich seit etwa Mitte des 16. Jh. nicht mehr an der gesamtschlesischen Steueraufbringung beteiligte — mit dem Fürstentum Crossen, das auf Grund einer Erbschaft seit 1482 dem Kurfürsten von Brandenburg gehörte, bis 1537 nur als Pfand. Das Fürstentum Glogau erhielt 1488 ein unehelicher Sohn des Matthias Corvinns, Johann Corvinus, und nach dem Tode des Matthias nacheinander zwei Brüder des böhmischen Königs, die Jagiellonen Johann Albrecht und Sigismund, die jeweils nach Besteigung des polnischen Königsthrons (1492 bzw. 1506) Glogau wieder an Wladislaus von Böhmen zurückgeben mußten (1496 bzw. 1508). Johann Corvinus konnte dafür vom Tode seines Vaters bis 1501 das Fürstentum Troppau behaupten, das dann ebenfalls an Sigismund von Polen fiel (bis 1511). Der zweite Sohn Georgs von Podiebrad, Heinrich I. von Münsterberg, erwarb nach dem Aussterben der Oelser Piasten (1492) auch noch das Fürstentum Oels (1495).


    Rathaus Breslau

Die Wirtschaft Schlesiens verzeichnete im 15. Jh. einen Niedergang. Dies war nicht nur eine direkte Folge der Hussiteneinfälle und der damit verbundenen Zerstörungen, sondern auch durch die Unsicherheit auf den Straßen bedingt. Die sich allmählich anbahnende Direktverbindung Leipzig—Posen kam dem Bestreben Polens entgegen, die Vermittlerrolle Breslaus im West-Ost-Handel auszuschalten. Deswegen wurden zeitweise auch Handelskriege zwischen Polen und Schlesien geführt, und 1515 mußte Breslau endgültig auf sein Stapelrecht (seit 1274) verzichten. Ein Siedlungsrückgang ist schon seit dem Ende des 14. Jh. infolge der spätmittelalterlichen Agrarkrise zu verzeichnen; er wurde durch die Hussitenkriege nur noch verstärkt.

Durch Wanderung von Bauern von schlechteren Böden auf freigewordene bessere und vom Lande in die stärker unter Bevölkerungsverlusten leidenden Städte entstanden Wüstungen. Die Eisenhämmersiedlung auf der Grundlage von Raseneisenerz in sumpfigen Niederungen setzte bereits in der Mitte des 14. Jh. ein und ging auch über die bäuerliche Wüstungsperiode hinweg bis ins 16. Jh., gelegentlich sogar bis ins 17. Jh. weiter. Die Eisenhämmer breiteten sich links der Oder im Bereich der Niederschlesisch-Lausitzer Heide aus, im rechtsodrigen Schlesien in den feuchten oberschlesischen Waldgebieten, vor allem an den Oberläufen der Flüsse, ferner in Niederschlesien im mittleren Bartschgebiet. Der bergmännische Erzabbau erlebte nach der Krise des 14. Jh. seit den 1470er Jahren auch in Schlesien einen neuen Aufschwung, zunächst durch Belebung des Bergbaus in alten Bergorten der mittleren und östlichen Sudeten sowie im Beuthener Revier, dann im 16. Jh. durch die Gründung neuer Bergbaustädte in diesen Gebieten und auch in den Westsudeten.

Als positiv sind die im 15. Jh. erfolgten Ansätze einer schlesischen Gesamtstaatsverfassung zu beurteilen. König Sigismund hatte 1422 einen Landeshauptmann für ganz Schlesien eingesetzt; das war aber eine vorübergehende Einrichtung. Erst Matthias Corvinus schuf ständige gesamtschlesische Institutionen, die ihn auch überdauerten. Der König hatte stets seine Bevollmächtigten in Schlesien, für kurze Zeit »Oberlandeshauptleute«, sonst waren es »Anwälte», teilweise getrennt für Niederschlesien und Oberschlesien (diese Begriffe tauchen in der Mitte des 15. Jh. auf). Die »Fürstentage«, die seit dem Ende des 14. Jh. auf freiwilliger Basis hin und wieder stattgefunden hatten, mußten nunmehr regelmäßig abgehalten werden, mindestens einmal jährlich; auch sie fanden teils in gesamtschlesischem Rahmen, teils für Niederschlesien und Oberschlesien getrennt statt, und zwar unter Beteiligung von Vertretern der Erbfürstentümer. Die Fürstentage beschäftigten sich mit Fragen der Steuererhebung — Steuerforderungen seitens des Oberherrn waren ein Novum! —‚ der Mannschaftsstellung, des Landfriedens und des Münzwesens. Matthias Corvinus verschaffte dem Lande durch seine straffe Organisation mehr Sicherheit, vor allem die innerschlesischen Streitigkeiten wurden stark eingedämmt.

Ein Jahr vor seinem Tode beschloß König Wladislaus auf dem Wiener Kongreß von 1515 mit Kaiser Maximilian I. eine Doppelheirat zwischen den beiden Herrscherhäusern, welche die Weichen für die Schaffung des habsburgischen Großreiches im Südosten stellte: Wladislaus Kinder Anna und Ludwig sollten Maximilians Enkel Ferdinand und Maria heiraten. Schon elf Jahre später konnten die Habsburger die Früchte dieses Ehevertrages ernten: nach dem Tode des nur 20jährigen Ludwig II. von Böhmen und Ungarn in der Schlacht bei Mohacs 1526 erbte Erzherzog Ferdinand, der spätere Kaiser Ferdinand I., die böhmische und ungarische Krone; Schlesien wurde damit habsburgisch.